Gedankenschleuder

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Mai 31

Jobwunderland Deutschland? - Ein Blick hinter die Statistik

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.
Herkunft unbekannt, Winston Churchill zugeschrieben



Heute hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) wie allmonatlich in ihren Monatsbericht die Arbeitslosenzahlen für den Monat Mai bekanntgegeben. Demnach waren in Deutschland nur noch 2.855.279 Menschen arbeitslos. Dies sind 104.833 weniger als im Vorjahr und entspricht einer Quote von nur noch 6,7% (-0,3% ggü. dem Vorjahresmonat). Die BILD und SPON sprechen vom „deutschen Jobwunder“ und die Süddeutsche erklärt uns gleich, „Wo das deutsche Jobwunder herkommt“. Zugegeben: Die Zahlen sind positiv. So wenige Menschen waren zuletzt 1992 ohne Job. Es sollte also eigentlich nichts zu meckern geben.

Nun gehört es zum Wesen der Statistik, dass man anhand der gewählten Methodik zwangsläufig selbst in die Erfassung und Berechnung des Datenmaterials eingreift. Nur wenn ich erst einmal definiert habe, was ich wie erfassen will, kann ich später beurteilen, wie sich das Zahlenmaterial zusammensetzt. Ohne Kenntnis der Erfassungs- und Berechnungsmethoden ist jede Interpretation der Statistik im Voraus zum Scheitern verurteilt.

Sehen wir uns zunächst die „offiziellen Zahlen“ näher an:

Die 2,8 Mio. Arbeitlosen lassen sich zunächst nach dem jeweiligen Anspruch unterteilen. Der Rechtskreis SGB III (Sozialgesetzbuch – Drittes Buch – „Arbeitsförderung“) entspricht den Beziehern von Arbeitslosengeld I (ALG I) nach § 136 Abs. 1 Nr. 1 SGB III. Dieser Anspruch besteht – abhängig von der Beschäftigungsdauer vor der Arbeitslosigkeit – zwischen sechs und zwölf Monaten. Ab dem 50. Lebensjahr erhöht sich die Dauer auf bis zu 24 Monate (vgl. § 147 Abs. 2 SGB II). Die Höhe beträgt grds. 60% des pauschalierten Nettoentgelts (Nettolohn ohne Sonderzahlungen wie Boni etc.) des Arbeitslosen. Gibt es Kinder oder zahlt der Ehegatte Einkommenssteuer, erhöht sich der Betrag auf 67% (vgl. § 149 SGB III).

Im Rechtskreis SGB II (Sozialgesetzbuch – Zweites Buch – „Grundsicherung für Arbeitssuchende“) befinden sich alle Empfänger von Arbeitslosengeld II (ALG II bzw. „Hartz IV“). Dies sind alle über 15 Jahre alten hilfebedürftigen Erwerbsfähigen (vgl. § 19 Abs. 1 Satz 1 SGB II i.V.m. § 7 Abs. 1 Satz 1 SGB II). Die Höhe bestimmt sich nach dem berüchtigten Regelbedarf zzgl. ggf. bestehender Mehrbedarfe (z. B. für Schwangere) und den Bedarfen für Wohnung und Heizung (vgl. §§ 20 ff. SGB II).

Das vorweg ergibt dann folgendes Bild: Von den arbeitslos Gemeldeten bezogen 830.839 (29,1%) Leistungen nach SGB III. Die übrigen 2.024.440 (79,9%) waren Hartz IV-Empfänger. 911.443 (31,9%) waren älter als 50 Jahre. Im Mai wurden 197.127 Menschen arbeitslos, darunter am meisten 28.828 Leiharbeitnehmer (14,6%). Seit Anfang des Jahres sind insgesamt 177.210 Leiharbeitnehmer in die Arbeitslosigkeit gerutscht.

Kommen wir nun zu den „versteckten Zahlen“. Das sind Menschen ohne Job, die aber nicht als arbeitslos im Sinne der BA-Statistik gelten. Die BA mauschelt da nicht herum, sondern sagt auf S. 49 ihres Berichts ganz klar, was sie bei der offiziellen Arbeitslosenzahl und -quote außer Betracht lässt. Zunächst gibt es gesetzliche Vorgaben. Arbeitslos ist nur, wer sich bei der BA als arbeitslos gemeldet hat. Wer dies nicht tut, bekommt kein Arbeitslosengeld, taucht aber auch in keiner Statistik auf. § 16 Abs. 2 SGB III bestimmt weiter: „An Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik Teilnehmende gelten als nicht arbeitslos.“ Dieselbe Fiktion gilt z. B. für Hartz IV-Empfänger, die älter als 58 Jahre sind (vgl. § 53a Abs. 2 SGB II). Die machen allein zusätzlich 112.051 Menschen aus. Zusammen mit Menschen in Eingliederungsmaßnahmen (138.740) gelten sie als „arbeitslos im weiteren Sinne“.

Dann kennt die BA eine weitere Kategorie, mit der man die Statistik schönen kann: die sog. „Unterbeschäftigung“. Diese umfasst die offiziellen Arbeitslosen, die „Arbeitslosen im weiteren Sinne“ sowie zahlreiche weitere Maßnahmen. In der beruflichen Weiterbildung (inkl. Reha) befinden sich aktuell 147.721 Menschen. 78.454 Menschen sind gegenwärtig arbeitsunfähig krank geschrieben, die somit auch aus der Statistik fallen. 81.416 Menschen befinden sich in der sog. „Fremdförderung“ (z. B. Integrationskurse für Migranten und Flüchtlinge) und fallen ebenfalls raus. Des Weiteren rechnet man all diejenigen heraus, die sich in sog. „vorruhestandsähnlichen Regelungen“ (vgl. z. B. § 252 Abs. 8 SGB VI) befinden, also unter Berücksichtigung ihrer Zeit als Arbeitslose früher in Rente geschickt werden. Darunter fallen weitere 105.842 Menschen. In den berühmt-berüchtigten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen befanden sich dagegen nur 217 Menschen.

Unterbeschäftigung im weiteren Sinne umfasst auch solche Menschen, die in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen sind, die „gesamtwirtschaftlich entlasten“ sollen, wie Existenzgründer, die einen Gründungszuschuss beziehen (84.168), oder denen mit einem „Einstiegsgeld“ der Weg in die Selbstständigkeit versüßt werden soll (5.181). In von der BA geförderter Altersteilzeit (vgl. § 4 Abs. 1 AltTZG) befinden sich 84.321 Arbeitnehmer. Darüber hinaus sind auch Beschäftigungsäquivalente umfasst, die durch die Anwendung von Kurzarbeit entstehen. Aktuelle Zahlen dazu hat die BA leider nicht vorliegen. Im März 2012 entsprachen sie noch 72.880 Stellen.

Aber auch ohne Kurzarbeit ergibt sich ein anderes Bild. Insgesamt wurden auf die eben beschriebene Weise über 1 Mio. Arbeitslose bzw. „Unterbeschäftigte“ aus der Statistik herausgerechnet. Rechnet man diese zur offiziellen Zahl hinzu, kommt man auf 3.862.740 Menschen, was wiederum einer Quote von 9,1% entspräche (im Vergleich zu offiziellen 6,7%). Doch auch in dieser Zahl sind die sog. „Aufstocker“ noch nicht erfasst. Das sind diejenigen, die zwar Vollzeit arbeiten, aber dabei so wenig verdienen (z. B. wegen mies bezahlter Leiharbeit oder mangels Mindestlohns), dass ihr Arbeitseinkommen nicht über Hartz IV-Niveau hinaus reicht. Und gerade der Niedriglohnsektor wächst z. Zt. in Deutschland am stärksten (laut IAQ-Report 1/2012 verdienen 4,1 Mio. Arbeitnehmer weniger als 7 €/h brutto = ca. 5,57 €/h netto).

Auf ganz andere Zahlen kommt man, wenn man sich die Leistungsberechtigten nach SGB II ansieht. Dies sind neben Arbeitslosen und „Aufstockern“ auch Kinder unter 15 Jahren (also Schulpflichtige), die Anspruch auf Sozialgeld haben (vgl. § 19 Abs. 1 Satz 2 SGB II, für dessen Höhe vgl. § 23 SGB II). Wie viele Menschen sind also auf staatliche Unterstützung für die Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums angewiesen? Auf S. 78 des BA-Berichts stoßen wir auf die Zahl von 6.195.288 Menschen, darunter 1.707.160 Kinder mit Anspruch auf das eben erwähnte Sozialgeld. Die Quote will ich jetzt nicht ausrechnen. Dennoch sollte uns diese Zahl viel mehr interessieren als die bloße Zahl der offiziell erfassten Arbeitslosen.


Apr. 23

Ich wusste nicht, wie unsäglich dumm Karasek ist. Und ich bewundere Ditfurth dafür, wie ruhig sie bei all dem großen Unsinn bleiben konnte, den Karasek und der gewohnt (?) parteiische “Moderator” Markus Lanz daher geredet haben.